| Main Menu | |||||||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
|
| Überblick über die Geschichte der Juden |
|
|
|
|
Der erste Hinweis auf die Ansässigkeit von Juden im Schenkisch Eigen, zu dem die Dörfer Roth, Wenkbach und Argenstein gehörten, stammt aus dem Jahre 1594/95. Anläßlich einer Türkensteuererhebung wurde festgelegt, daß die sieben dort ansässigen Juden - gemeint sind die Familienvorstände - jeweils einen halben Gulden Kopfsteuer zu zahlen und ihr Vermögen in Höhe von jeweils 200 Gulden zu versteuern hätten. Es ist zu vermuten, daß von den sieben Familien auch einige in Roth lebten.
Sichere Kenntnis über vier jüdische Familien in Roth,deren Familienvorsteher Nathan, Wolf Bonfang, Bonfang David und Israel hießen, ist aus dem Jahr 1666 erhalten. 1710 lebten in Roth sechs jüdische Familien mit 33 Personen. Die höchste Einwohnerzahl ihrer Geschichte erreichten die Juden von Roth 1737. Es waren damals 13 Familien mit 54 Personen hier anwesend, die etwa 16% der Gesamtbevölkerung ausmachten. Im 19. Jahrhundert gab es in Roth immer fünf bis sechs jüdische Familien mit zwischen 30 und 40 Personen. 1933, im Jahr der "Machtergreifung" Hitlers, lebten hier sechs jüdische Familien mit insgesamt 32 Personen.
Die Bedeutung der jüdischen Gemeinde Roth zeigte sich darin, daß sie bis Ende des 19. Jahrhunderts den Hauptsitz der Synagogengemeinde Roth, Fronhausen und Lohra bildete. Neben der Synagoge befand sich hier eine Religionsschule, so daß die Männer und Frauen aus Fronhausen und Lohra am Sabbat und zu den religiösen Festen regelmäßig nach Roth kamen und ihre Kinder die jüdische Schule besuchten.
Die Rother Juden verdienten ihren Lebensunterhalt mit bescheidenen Geschäften: Handel mit Getreide und Futtermitteln, Viehhandel, Metzgerei, Verkauf von Stoffen und Kurzwaren, z.T. in einem Laden, zum Teil im Herumziehen, waren die für Juden typischen Berufe, die sie ausübten. Die christlichen Einwohner hingegen betrieben vornehmlich Landwirtschaft und nebenbei auch etwas Handwerk. Diese unterschiedlichen Erwerbszweige ließen die beiden Gruppen miteinander ins Geschäft kommen. Im gesellschaftlichen Leben des Dorfes spielten Juden als Mitglieder im Turn- und im Fußballverein sowie im Gesangverein eine Rolle. Sieht man von den durch die religiösen Gebote entstandenen Barrieren ab, so lebten Juden und Christen in gut nachbarschaftlichen Verhältnissen miteinander.
Diese Beziehungen wurden jedoch durch die Machtübernahme Hitlers Zug um Zug zerstört. Die Kinder wurden in der Schule schikaniert, Freundschaften aufgegeben, die Männer durften ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen, so daß ihnen die Lebensgrundlage zerstört wurde. Erwin und Trude Höchster, Markus, Toni, Herbert, Irene und Walter Roth sowie Hilda, Klara, Julius und Otto Stern gelang die Ausreise nach Südafrika bzw. in die USA, Joseph, Klara, Heinz und Kurt Bergenstein, Hermann, Bertha, Ilse und Helmuth Höchster, Gertrude, Pauline und Zilly Nathan, Bertha, Louis und Hugo Stern sowie Herz Stern wurden in Konzentrationslagern ermordet.
Annegret Wenz-Haubfleisch - Marburg, im Januar 1998 |